Die Wahl der Welpen

Meine persönliche Reise zu Fairness und Verantwortung

 

Es gibt Dinge in der Hundezucht, über die kaum gesprochen wird. Dinge, die hinter den süßen Fotos und Videos passieren – dort, wo Verantwortung, Erfahrung und Herz gefragt sind. Für mich gehört die faire Auswahl der Welpen genau zu diesen Themen. Und sie begleitet mich seit Beginn meiner Zucht.

 

Viele Jahre lang lief es so ab, wie es viele kennen: Die Familien durften zwischen zwei Welpen wählen. Das fühlte sich zunächst gut an. Die Freude, selbst entscheiden zu dürfen, das vorsichtige Annähern, das berühmte „Bauchgefühl“.


Doch am Ende blieb immer ein Welpe übrig. Der Letzte. Der, den niemand bewusst gewählt hatte.

Dieser Gedanke hat mich nie losgelassen. Denn ich wusste: Jeder dieser Welpen ist gleich wertvoll. Und doch entstand ungewollt das Gefühl, dass einer „übrig“ war. Dieses Problem begleitet mich seit Beginn meiner Zucht – leise, aber hartnäckig.


Die Suche nach einem faireren Weg

Anfang 2025 beschloss ich, noch einmal ganz bewusst hinzusehen. Ich wollte wissen:

Gibt es andere Wege? Gerechtere? Ehrlichere?


Also sprach ich mit Kolleginnen und Kollegen aus der Zucht und hörte viele unterschiedliche Modelle:

  • Ein Züchter ließ die Familien frei wählen. Die Welpen waren nicht markiert, trugen keine Halsbänder, keine Zuordnung. Er versicherte, dass er jeden Welpen genau kenne und dass die Familien genau den Welpen bekommen, den sie sich aussuchen. Das Gefühl, selbst gewählt zu haben, war für die Menschen sehr positiv. Die Wahrheit eine ganz andere. Den für mich jedoch fühlte sich dieses System nicht ehrlich an. Denn am Ende liegt die Kontrolle doch beim Züchter, das Gefühl der Wahl bleibt, die echte Entscheidung aber nicht.
  • Ein anderer vergab die Welpen strikt nach Reihenfolge der Zahlungseingänge. Wer zuerst bezahlt, darf zuerst wählen. Klar, strukturiert, logisch, aber für mich völlig losgelöst von Charakter, Lebensumständen und Persönlichkeit.
  • Eine Kollegin wiederum stellte ihre Welpen erst mit acht Wochen vor. Wer früh kommt, hat viel Auswahl, wer später kommt, weniger oder gar keine. Oft werden die Familien gebeten oder gedrängt, die Welpen sofort mitzunehmen, da sie ja schon acht Wochen alt sind. Spätere Interessenten bekommen diese Welpen nie zu Gesicht, Diskussionen über passende Kombinationen entstehen gar nicht erst. Für mich ist das zu nah an dem Prinzip: „Wer zuerst da ist, mahlt zuerst.“
  • Und dann gab es noch den Züchter, der alle Familien gleichzeitig in einen Raum voller Welpen setzte. Zwei Stunden Zeit gab, um sich "einig" zu werden und zu entscheiden. Alleine unter Fremden. In der Realität bedeutet das: Chaos. Welpen, die überall gleichzeitig sind. Menschen, die konkurrieren. Lautstärke, Hektik, Emotionen. Und mittendrin die ruhigen, schüchternen oder zurückhaltenden Familien, die überrannt werden und kaum Raum haben, ihren Eindruck zu sammeln. Spannend? Mhmm vielleicht. Stressig? Ganz sicher. Für mich passend? Nein.

Die romantische Idee: Der Welpe wählt die Familie

Oft hört man auch die Idee, der Welpe solle selbst entscheiden. Der Welpe, der zuerst zu einer Familie geht, hat „gewählt“.
Das klingt romantisch, bringt aber ein neues Problem mit sich:
Was passiert, wenn derselbe Welpe zu mehreren Familien geht?

Der mutige, offene, menschenbezogene oder vielleicht einfach hungrige Welpe läuft an einem Tag zu drei verschiedenen Familien. Alle fühlen sich ausgewählt. Alle bauen Hoffnung auf.
Und dann? Enttäuschung. Frust. Missverständnisse.

Gleichzeitig werden ruhigere, sensiblere Welpen oft übersehen, obwohl sie vielleicht perfekt passen würden. Auch hier entscheidet nicht der Charakter, sondern schlicht der Moment.


Warum Losen, Wunschlisten & Co. für mich nicht funktionieren

Natürlich gibt es noch weitere Modelle: Losverfahren, Wunschlisten, reine Züchterentscheidung ohne Erklärung.
All diese Wege haben eines gemeinsam: Sie wirken auf den ersten Blick fair – für Menschen.
Doch sie berücksichtigen nicht das, was für mich im Mittelpunkt steht: den Welpen als Persönlichkeit.

Ein Los kennt keinen Charakter.
Eine Wunschliste kennt keinen Alltag.
Ein Bauchgefühl kennt keine Zukunft.


Die Erkenntnis im Welpenzimmer

Eines Abends saß ich zwischen meinen Welpen. Sie schliefen eng aneinander gekuschelt, zappelten im Traum, atmeten ruhig.
Und mir wurde klar:
Es darf nicht darum gehen, welcher Welpe ausgesucht wird.
Es muss darum gehen, welcher Welpe wohin passt.

Denn Welpen sind keine Farben. Keine Geschlechter. Keine Nummern.
Sie sind kleine Persönlichkeiten – mutig, vorsichtig, sensibel, selbstständig, verspielt oder ruhig.

Genau wie die Menschen, die sie begleiten werden.


Mein Weg: Der Fragebogen & das Matching

Ich begann, mit einem ausführlichen Fragebogen zu arbeiten.
Er hilft mir, die Familien wirklich kennenzulernen:

  • Alltag und Zeit

  • Erfahrung

  • Erwartungen

  • Lebensumfeld

  • Wünsche und Grenzen

Gleichzeitig beobachte ich die Welpen über Wochen hinweg. Nicht nur einmal, nicht nur in einer Situation – sondern immer wieder, im Alltag, im Spiel, in Ruhe.

So entsteht ein Gesamtbild.
Und daraus entsteht das Matching.


Charakter vor Farbe und Geschlecht

Viele Interessenten sorgen sich, nicht die gewünschte Farbe oder das gewünschte Geschlecht zu bekommen. Diese Wünsche verstehe ich gut – sie dürfen da sein.
Aber sie sind keine Bedingung.

Bei mir steht der Charakter immer über Farbe und Geschlecht.
Wenn der richtige Hund für eine Familie gerade nicht dabei ist – selbst wenn Farbe oder Geschlecht passen würden – dann ist Warten die bessere Entscheidung.

Nicht jeder passende Hund passt heute.
Aber jeder Hund verdient den richtigen Platz.


Mein Fazit

Heute weiß ich:
Dieser Weg ist aufwendiger. Er braucht Zeit, Beobachtung, Gespräche und manchmal Geduld, auf beiden Seiten.
Aber er ist ehrlich.

Kein Welpe ist „der letzte“.
Kein Welpe ist „übrig“.
Jeder Welpe wird gesehen. Und jede Familie ernst genommen.

 

So fühlt sich Fairness an.
So fühlt sich Verantwortung an.
Und genau so möchte ich züchten.